Da die meisten Strassen nur Pfade aus Staub sind, muessen diese nach der Regenzeit erstmal wieder in Form gebracht werden, bevor man sie mit normalen Autos befahren kann.
Schon kurz nach meiner Ankunft werde ich also immer, wenn ich von der Hauptstrasse abbiege, von Schranken und Schildern daran gehindert, mir Sachen anzusehen. Bummer.
Gluecklicherweise begegnet mir kurze Zeit spaeter einer der schoensten Sonnenuntergaenge, die ich je gesehen habe. Und weil im gleichen Moment unter mir so ein schoener breiter Fluss fliesst, bleib' ich einfach mal auf der Bruecke stehen und haeng' ab - andere Autos sind eh grad keine zu sehen.
Weil noch immer kein Auto kommt, dusch' ich einfach mal am Strassenrand und ploetzlich laeuft neben mir eine Langhals-Schildkroete ueber die Strasse. Weil ich sowas noch nie gesehen habe, schnappe ich meine Kamera, laeufe nackicht auf die andere Seite und knipse ein paar Fotos. Muss komisch ausgesehen haben.
Wenn die Sonne weg ist gibt es eigentlich keinen Grund, nicht schlafen zu gehen. Waehrend ich noch ein bisschen Musik hoere, kommen mich aber immer wieder kleine Muecken besuchen. Ich schlage eine nach der anderen tot und suche wie bloed nach dem Loch in den Fliegengittern, finde keins. Nach einer halben Stunde stopfe ich auf blossen Verdacht Tuecher von einer Kuechenrolle in den Spalt, der die Schiebetuer vom Auto trennt (angesichts des Spaltmasses eine gelungene Formulierung) und zack, Ruhe. Draussen hoere ich die Mozzies noch fremdenfeindliche Lieder skandieren und schlafe beaengstigt ein.
Am naechsten Tag fahre ich ziellos durch die Gegend (das ist gut) und gucke mir Felsen am Strassenrand an. Wenn ich an Fluesse komme, lasse ich lieber erstmal andere vorfahren, aber sie erreichen nie Tiefen, ueber die ich mir Sorgen machen muesste.
An dieser Bootsrampe erzaehlt mir ein auf seine Bootsfahrt wartender Typ aus Sydney, dass man mal das Art-Center besuchen sollte. Ich dachte, dass waere bloss eine weitere Gallerie mir Aboriginee-Kunst (davon gibts schon in Katherine und Darwin zu viele), aber er erklaert mir, dass es sich um Jahrtausende alte Steinmalerei handelt. Worauf wartet Adler denn noch?
Auf dem Weg dahin komme ich aber erstmal bei Cahill's Crossing vorbei. Da hat 19[kleine Zahl] irgendein Bauer namens Cahill wohl seine Kuehe durch den Fluss gescheucht. Nach Inaugenscheinnahme der Gegebenheiten muss ich den Kuehen von damals Respekt zollen.
Nicht nur soll es in dem Fluss von Krokodilen wimmeln, die Stroemung ist auch nicht ohne. Waehrend eine Japanische Filmmannschaft wahhlos Baeume abfilmt, bildet sich eine Schlange von Gelaendewagen, die anscheinend den Fluss ueberqueren wollen. Ich freu mich ja, aber, sind die denn bescheuert? Ich drehe das Waehlrad auf Film und warte...
Nachdem ich den ersten Todesmutigen abgefilmt habe, komme ich mit dem Fuehrer der Japaner ins Quatschen. Er empfiehlt mir lange Hosen und Stiefel statt Shorts und Flippies, ich fuehl' mich trottelig. Dann fragt er, wo ich herkomme. Deutschland? Ich zitiere unuebersetzt sein wackeliges Deutsch: "Meine Freundin kommt aus Sachsen". Ich lach mich schief, ein Halbaboriginee mit einer saechselnden Freundin. Wo er sie denn kennengelernt hat? Auf Tour durch den Park natuerlich, where else, mate?!
Ich filme noch zwei Telstra-Autos, die durch den Fluss fahren - sie sind die Einzigen, die vorher austeigen und ihre Reifen ueberpruefen. Telstra ist das Pendant zur Deutschen Telekom und ich weiss inzwischen, dass ihnen niemand aus dem Fluss geholfen haette, waeren sie stecken geblieben. Vielleicht fuhren sie deshalb zu zweit?! Hass auf Telekommunikationsmonopolisten scheint jedenfalls eine Naturkonstante zu sein.
Nachdem ich mit dem Guide noch eine Weile gequatscht habe, begleitet er seine Japaner zu seinem Landcruiser und furzt uns noch kurz was auf seinem Didscheridu. Er erklaert mir, dass seine Schafe eine Doku ueber Uhreinwohner drehen, dann faehrt er sie mit Anhaenger durch den Fluss. Tschuess!
Bei den Steinen angekommen findet man ziemlich flott grosse Steine, unter die die uhreinwohner recht einfache Bilder gepinselt haben. Mal ein Fisch, mal ein Kaenguruh. Es gibt zu jeder Malerei zwei Schilder: das erste droht criminal charges von $5000 und civil charges in Hoehe von $55000 an, wenn man mit dem Edding beigeht, das andere erklaert das Bild. Es werden naemlich immer Geschichten erzaehlt und Weisheiten weitergegeben. Mal soll man keine Fische vom Nachbar-Aboriginee stehlen, mal auf seine Gesundheit aufpassen (sonst gibts dicke Gelenke).
Und dann steige ich auf einen kleinen Berg und erlebe einen wirklich wunderschoenen Rundumblick. Es ist komplett still und nur der Wind rauscht ein bisschen an den Ohren vorbei. Da meine Ohren etwas abstehen, waers fuer Euch wahrscheinlich noch leiser gewesen. Und dann scheint die Sonne durch eine Atmospaehre, die sich mit ihren paar Wolken nicht zwischen Transparenz und Regen entscheiden kann und ein tolles gelbes Licht produziert. Das wiederum laesst das unendliche Gruen um mich herum wie das Paradies erscheinen. Die Aboriginees schreiben auf ihren Tafeln immer was von "das Land fuehlen", jetzt komm' ich gaaanz langsam dahinter.
Auf dem weiteren Weg durch den Park streife ich ein Cultural Center und latsche rein. Es ist 1705 und seit 5 Minuten geschlossen, aber eine nette Frau sagt, ich kann mir noch alles ansehen ("you stay as long as you like!"). Die Tafeln erklaeren ein bisschen Kultur und erzaehlen Geschichten. Zum Beispiel haben sich zwei Schildkroeten vor ein paar tausend Jahren getroffen und dann sagte die eine:
"Wir sollten uns besser organisieren. Wie waers, wenn Du meinen Speck nimmst und ins Salzwasser gehst und ich bekomme Deine dicken Steine aufm Panzer und geh' ins Suesswasser?"
Die andere so:
"Ne, ich geh' ins Suesswasser, Du ins Salzwasser!"
Und so war es dann. In Darwins Mueseum las' ich allerdings, dass die Geschichte der Schildkroete schon frueher anfing: sie war naemlich gut mit dem Stacheltier (damals noch unbestachelt)befreundet und hat immer mit ihm zusammen gejagt. Eines Tages hat das Stacheltier aber ein Ei bekommen. Also hat die Schildkroete drauf aufgepasst, als das Stacheltier gerade unterwegs war, um fuer alle Essen zu jagen. Und weil es drei Tage lang nicht wiederkehrte, hat die Schildkroete in ihrem Hunger das Ei aufgegessen.
Natuerlich kommt kurze Zeit spaeter das Stacheltier wieder, bemerkt das leere Nest und nach kurzer Befragung seines Gegenuebers, dass "wir vielleicht doch eher Feinde" statt Freunde sind. Die Schildkroete bewirft das Stacheltier mit vorher(!) gesammelten Spiessen, die in ihrem Feind steckenbleiben und es so zum Stacheltier machen. Dieses wiederum bewirft die Schildkorte mit Steinen, die den Panzer der Schildkroete formen. Dann gingen beide ihres Weges, Ferunde kommen und gehen.
Nun ist es schon spaet und ich bin auf dem Weg nach draussen. Obwohl ich weiss, was kommt, biege ich immernoch an jeder Strasse ab und drehe um, weil ich nicht weiterfahren darf.
Heute treffe ich bei meinem zweiten Besuch in Katherine an der Dusche einen jungen Englaender, der mich fragt, wie ich es denn in dem Van aushalte. Er haette zwei Naechte mit seiner Freunding drin gepennt und sie waeren vor Hitze fast gestorben. Offene Fenster wuerden helfen, merke ich hoeflich und ehrlich an, dann zeigt er mir seine Fuesse, die echt fies mit hunderten von Mueckenstichen uebersaet sind. Ueber zweihundert haette er gezaehlt. Ich empfehle Fliegengitter und demonstriere meinen aus dem Muelleimer restauerierten 12V-Ventilator, er ist begeistert. Dann erzaehlt er mir noch, dass Jabiru im Kakadu-Park angeblich die Mueckenhauptstadt Australiens ist. Ah, deswegen!
Eine halbe Stunde spaeter winkt er mir quer ueber den Woolworths-Parkplatz in Katherine mit seinem neuen Ventilator zu und freut sich - good on ya, mate!
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