Wenn man von Alice Springs zum King's Canyon fahren will, gibt es da zwei Moeglichkeiten: entweder man faehrt in einem U ueber asphaltierte Strassen, oder man ist ein ganzer Mann und faehrt die direkte Strecke ueber Staub und Dreck. Auf letzterer liegen auch noch ein paar Meteoritenkrater, die aber wenig beeindrucken. Ausserdem nerven die Fliegen.
Nach ungefaehr zehn Kilometern wird die Strasse wirklich schlecht. Der Regen hat grosse und regelmaessige Rillen in den Boden gespuelt, so dass alles ueber 20km/h saemtliche Lager zerbombt. Ich stottere also mit 15km/h die restlichen 90km ab und aergere mich ueber meine Dusseligkeit, waehrend Landcruiser mich mit 120km/h ueberholen. Die koennen's ja machen, mit ihren grossen Reifen und Vierradantrieb.
Eine Viertelstunde spaeter ueberholen mich aber drei kleine Autos, die hoechstens an den beiden vorderen Raedern angetrieben sind und deswegen kein Bisschen langsamer fahren als die Gelaendewagen.
Kann ich auch. Macht sogar richtig Spass, und ab 80km/h hoert das Ruetteln auf. Weil ich Hinterradantrieb habe, bricht gerade im tiefen Sand das Heck gerne aus und ich kurbele wie verrueckt an meinem Kreis, um nicht im Graben zu landen. Weeeeeee, das fuehlt sich an wie "Big Red" oder "Insane" [Anm. D. Red: Ich glaube, Big Red ist tatsaechlich anch den Kaenguruhs im Outback benannt], also zusammen mit dem Handbreiten Spiel, dass ich eh schon immer im Lenkrad habe schoen schwammig und unpraezise.
Auf einmal faengt es an, nach Benzin zu riechen. Passiert manchmal bei dem Auto, also fahre ich weiter. Irgendwann wird's unertraeglich und ich stelle fest, dass sich die Entlueftungsschraube an meinem 20L-Kanister geloest hat und der Scheiss langsam in meinen Kleidersack sickert. Toll.
Wenn man so viel in der Einsamkeit faehrt wie ich in den letzten Tagen, nimmt man alles zu Lesen mit, was man kriegen kann. Konkret denke ich jetzt an den Flyer, den ich gestern an einer Tankstelle hab' mitgehen lassen. Er erklaert, was OPAL Fuel ist: Im ganzen Northern Territory gibt es kein normales Normalbenzin mehr zu kaufen, sondern nur noch die OPAL-Variante. Und die unterscheidet sich dadurch, dass die Chemikalie ersetzt wurde, die Benzinschnueffelnde Aboriginees high werden laesst (politisch korrekt spricht man von "petrol sniffing in remote communities"). Mein Unglueck ist also frei von Vorteilen.
Waehrend ich weiter begeistert durch die Wueste Dakar rase, bringt ein groesserer Huckel meine Hinterraeder aus dem Konzept. Wie bei "Werner" Teile seiner Handbremse auf der Bergabfahrt an ihm in Zeitlupe vorbeifliegen, spuere ich, wie meine Hinterraeder mich ueberholen. Ich dreh das Lenkrad ganz nach links und nehm' den Fuss vom Gas, aber so richtig helfen tut's nicht. Und dann greifen die Reifen wieder und ich fahr' mit ungefaehr 70 verbliebenen Stundenkilometern ueber die Boeschung an der Seite. Die ist immerhin einen guten Meter hoch und so fliege ich ungefaehr fuenf, bevor ich mit der vorderen Stossstange eine drei Meter hohe Busch/Baumkombination glatt absaebele. Bevor sie sich geschlagen gibt, drueckt sie allerdings noch meinen rechten Aussenspiegel in die Seitenscheibe.
Noch bin ich in der Luft. Anstatt Angst hab' ich komischerweise eher eine angspannte Aufregung im Bauch und denke mir "In welche Rucksacktasche tu ich jetzt meinen Inverter?" und "Scheisse, wie komm' ich jetzt nach Adelaide?". Ich bin echt bescheuert.
Nochmal vier Meter weiter komme ich zum Stehen. Quer zur Fahrtrichtung. Um mich herum ist Staub, nach rechts blickend sehe ich meine zerborstene Seitenscheibe. Mist, wieso hatte ich denn das Fenster geschlossen? Naja, vielleicht ganz gut so.
Ich steige aus und ziehe einen grossen Ast aus der Stossstange. Der Steinschlag, den mir ein RoadTrain ein paar Tage vorher in die Frontscheibe gehauen hat hat sich als Riss quer ueber die Scheibe maeandriert. Toll, wenn man die letzten zwei Monate die Dichtung drumherum repariert hat. Ein paar Beulen sind dazu gekommen, der Blinker geht nicht mehr.
Und ploetzlich kommt mir eine Idee: Das ist doch alles gar nicht so schlimm, dem Antriebsstrang ist doch gar nichts passiert. Die Reifen sind auch noch gerade. Also setze ich mich wieder rein und siehe da: der Motor startet. Hah! Mit ein bisschen Graben und ein paar Anleufen wippe ich mich aus dem Sand, rutsche eher unelegant die Boeschung wieder runter und parke.
Jetzt daemmert mir langsam, was da eigentlich gerade passiert ist. Schoen, dass ich noch da bin. Nach ein paar hundert Metern faellt die Seitenscheibe raus. Weil sie splittert, begrabe ich sie in der Wueste. Zwei Frauen kommen in einem Pickup vorbei, die Beifahrerin trinkt Bier. Ja, alles gut. Mit einer Mischung aus Abenteuerlust, Frust, Dankbarkeit und Durchhalteparolen fahre ich die restlichen dreissig Kilometer. Eher langsam. Da faellt mir auf, dass das Auto jetzt geradeaus faehrt, wenn das Lenkrad um 90 Grad nach links verdreht ist. Und das Spiel ist auch groesser geworden. Nicht so gut.
Als ich endlich auf die Kreuzung zur Asphaltstrasse treffe, haelt ein Bauer im Landcruiser an. Ich erzaehle meine Geschichte, die er sich geduldig im Fuehrerhaus anhoert. Dann guckt er mich mitleidend an und kramt er in einer Kiste auf seinem Beifahrersitz.
Sekunden spaeter haelt er mir eine Flasche XXX Export Gold unter die Nase und sagt "Beer? It doesn't get much colder than that!". Wir trinken also zusammen Bier an der Kreuzung waehrend er meine Lenkstangen unter dem Auto inspiziert. "Looks alright", resumiert er, dann erfahre ich, dass er 30km in die Richtung wohnt, aus der ich komme. Er faehrt die Strecke jeden Tag mit 120km/h.
Ich fahre weiter zum King's Canyon, wo ich mich zum Schlafen auf den Parkplatz lege. Nach einer halben Stunde kommen Ranger (im Landcruiser) vorbei und zwingen mich, weiterzufahren. Also parke ich im King's Canyon Resort und schlafe mit offenen Fenstern im Benzindunst.
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