bezeichnet man das Korrosionsprodukt, das aus Eisen oder Stahl durch Oxidation mit Sauerstoff in Gegenwart von Wasser entsteht... Die Verwitterung von Eisenwerkstoffen an Luft und Wasser zu Rost verursacht weltweit jährlich Schäden in Milliardenhöhe.
Danke, Wikipedia, vielen Dank.
In meinem Falle handelt es sich gluecklicherweise nur um eine Investition sechs Dimensionen kleiner, naemlich von AUD 2600. Denn leider faellt mein Auto langsam auseinander. Aber fangen wir am Anfang an:
Gekauft haben wir das Auto, weil wir schnell aus Sydney abhauen wollten - dass auf dem Dach und unterm Fenster die Farbe schon Rostblasen schlug, wurde damals weitgehend ignoriert.

Wie sich nun herausstellte, ist im Osten Australiens gerade Regenzeit. Das bedeutet, dass besonders nachts teilweise bis zu 8cm Regen fallen. Ein paar Millimeter davon hatten sich unterhalb der Windschutzscheibe Zutritt zum Fussraum verschafft, aber das Problem haben wir ja nun behoben.
Vor ungefaehr zwei Wochen fing es dann aber an, auch ueber der Scheibe reinzutropfen. Dummerweise auch noch beim Fahrer. Klebeband hielt die erste Woche ganz gut, dann nicht mehr. Da ich das Auto eh noch verkaufen wollte und die Karosserie sich stellenweise von weiss nach braun verfaerbte, habe ich der Achse des Boesen den Kampf angesagt und Rostentfernung neben Kaffee trinken und Essen in meine taegliche Routine aufgenommen.


Der Name Mission Beach beschreibt den Ort noerdlich von Townsville ganz gut. Es gibt da einen Strand. Huebsch sogar, aber ansonsten zaehlt der Fish'n'Chips-Laden schon zu den Hoehepunkten. Mich hat sogar ein echt fertiger ca. 45jaehriger angequatscht, als ich auf der Suche nach dem Grund war, warum Jennifer mir diesen Strand so empfohlen hat:
"I've been a chef in this place for 25 years, but, to be honest, go eat somewhere else!"
Habe ich nicht getan und wurde bestraft: der Lachs sah zwar in der Abendsonne gut aus, schmeckte aber eher fad. Pommes waren aber super!

Also habe ich am naechsten Morgen den aufgeplatzten Spachtel vom Dach gekratzt und die obere Scheibendichtung freigelegt. Herrjemine, nachdem ich mit der Stahlbuerste gewuetet hatte, fehlte ein Stueck meines Dachs!

Natuerlich kam jemand vorbei und wollte wissen, was ich da mache. In diesem Falle Des, also Desmond ("but only my mumma used to call me that when I was naughty!"), ein ca. 60jaehriger Herr. Er sagte, er wohne nur eine halbe Stunde noerdlich, malte die Wegbeschreibung auf meine Karte (einfach gleich hinter Boobah Creek links abbiegen!) und haette noch Fuellspachtel fuer die Loecher. Ja geil!

Zwei Stunden und einen McDonalds-Kaffee spaeter rollte ich bei Des auf den Hof - und der ist immerhin vier Hektar gross. Er nahm sich einen Tritt und fing an, eine Uhu-flinke-Flasche-aehnliche Masse durch zwei Kirschgrosse Loecher fliessen zu lassen. Haha, dachte ich, das kann ja nichts werden. Aus Hoeflichkeit liess ich ihn basteln und fragte ihn aus.

Desmond Connor kam als 18jaehriger zur Navy und blieb dort 40 Jahre. Erst hat er auf einem Flugzeugtraeger Dienst getan (HMAS heisst "Her Majesty's Autralian Ship"), dann auf einem Patroullienboot, danach nur in U-Booten. Auf letzteren hat er als Engineer gearbeitet, die meiste Zeit mit dem Schweissen von Rohren verbracht.
Bis zu drei Monate lang war er zwischen zwei Haefen unterwegs und hat kein Land gesehen, bis zu ein halbes Jahr von zu Hause weg. Auch 'ne Weltreise, dachte ich. Einmal waren sie an der Kueste Irans und haben wochenlang nur ihre Antenne aus dem Wasser gehalten, um den Funkverkehr eines nahegelegenen Militaerflughafens abzuhoeren. Die zwei "Spooks" an Bord sind dann nach Heimkehr im Hafen von Kreta mit ihren Black Boxes zu ihren Hauptquartieren abgefahren. Zwanzig Jahre lang durfte er nicht darueber reden, und dann wurde die Sperrfrist auf fuenfzig Jahre verlaengert. Somit darf er heute auch noch nicht drueber quatschen, um die Beziehungen zu Iran nicht zu gefaehrden. Google, das hier bitte nicht indizieren! :)

Ausserdem hat sein U-Boot die Steuerung der Rakete uebernommen, die dann Minuten spaeter Ghaddafi's Tochter toetete. Ghaddafi selber sass naemlich in einem Zelt vor seinem Haus. Raketen mussten damals naemlich staendig gesteuert werden, und abgefeuert wurde sie von viel weiter weg, wusste er zu erklaeren.
Inzwischen hatte er schon ungefaehr 100ml Uhu verloren, war aber noch frohen Mutes.
Schraeg waren seine Geschichten, weil ich genau davon ja gerade in meinem dicken Buch lese. Und noch abgefahrener wurde es, als wir dann Drinnen warteten, bis Uhu aushaertete. Ich trank Cola, er eine Literflasche Selbstgebrautes. Erst zeigte er mir ein Bild von der USS Hartford, deren Segel bei der Kollision vor kurzer Zeit schwer gelitten hatte. Hatte er gerade per email von jemandem aus seinem U-Boot-Ehemaligen-Verein bekommen. Damit konnte ich ja noch umgehen.
Dann griff er aber tiefer in die Trickkiste und zeigte die Erste-Weltkriegs-Medaille seines Grossvaters. Voellig irre, weil ich ja gerade seit einem guten Monat das Buch lese, auf dem GENAU DIESE Medaille abgedruckt ist. Gleicher Aufdruck "The Great War", gleiches Band, nur anderer Name am Rand. Und seit diesem ersten Weltkrieg, so habe ich gelernt, sterben die Menschen im mittleren Osten innerhalb der Grenzen, die besonders England und Frankreich einfach mal aus der Laune heraus gemalt haben.
Leider nahm Des das Thema zum Anlass, sich aus dem Kreis ernstzunehmender Gespraechspartner zu verabschieden: Er merkte laechelnd an, dass die Behandlung der Juden im zweiten Weltkrieg durch Deutschland "just a *little* rough" gewesen sei, die Juden sich das alles aber selbst eingebrockt haetten. Haette er das ueber das heutige Israel behauptet, waere das ja was Anderes gewesen.
Nunja, Uhu froente weiter seinem viskosen Naturell, also wurde mir zur zweiten Literflasche Leichtbier noch der Garten praesentiert. Ganz interessant, weil er Orangen-, Mandarinen-, Litschi-, Zitronen- und Limettenbaeume hatte. Und die Mandarine war echt lecker.
Nun praesentierte Des stolz seinen 38m tiefen Frischwasserbrunnen und zeigte mir eine grosse Freiflaeche. Vor drei Jahren standen dort noch viele Baeume, dann kam ein Hurrikan. Die meisten Baeume wurden umgeschmissen, einige standen aber noch und starben dann im Verlauf der naechsten Monate. Wie man herausfand (und ich dann am Stamm einiger Exemplare sehen konnte), hatte der Sturm die Baeume an der Achse ihres Stammes einfach verdreht. Irre, der Stamm sah aus wie eine Zuckerstange. Nur halt andere Farben, naeh!
Da Uhu noch immer nicht hart war, erzaehlte er mir noch, dass Hitler's Second-In-Command ca. 1942 nach Schottland geflogen waere, um mit England einen Frieden zu verhandeln (um dann gemainsam Russland anzugreifen). Ausserdem freute er sich fuer mich, dass "ich" es ja um Haaresbreite geschafft haette, die Tommies mit U-Booten auszuloeschen. Danke, Des!
Weil er nicht wusste, wer Hitler's Zweiter war (Himmler, Goebbels und Goering passten ihm nicht), wuehlte er durch seine Buchkiste. Als er die oeffnete, fielen uns allerdings nur VHS-Videokassetten mit WW2-Fantasie entgegen. Seine Frau hatte die Buecher wohl umgeraeumt, murmelte er.
Ploetzlich war Uhu auch hart genug. Ich dankte und fuhr.
In Cairns angekommen, popelte ich das Kaugummi-feste Uhu aus den Loechern und machte mich auf die Suche nach Spachtelmasse. Im Baumarkt (Bunning's schockt!) lachte der Verkaufer, als ich ihm das Loch auf meiner Kamera zeigte und sagte, ich solle mal im Autoladen nach "Bog" fragen. Im Autoladen lachte der Verkaeufer, als ich ihm das Loch auf meiner Kamera zeigte und sagte, soviel Bog haetten sie nicht, ich solle mal im Bootshandel nebenan fragen. Im Bootshandel nebenan lachte der Verkaeufer, als ich ihm das Loch auf meiner Kamera zeigte (ehrlich!) und sagte, sie haetten sowas gar nicht. Ich sollte mal die Panelbeaters zwei Strassen weiter fragen.
Geil, endlich krieg' ich mal was mit denen zu tun! Panelbeater heissen die Jungs, die ausbeulen, lackieren etc. Als ich der schwertaetowierten weiblichen Frohnatur das Foto zeigte und sagte, ich wuerde gerne Bog kaufen... nah? Richtig. Lachte sie und fragte "you still drivin' that thing?". Thats affirmative, sweetheart!
Und nun nahm der Tag eine gute Wendung, denn man empfahl mir schnellhaertenden Zwei-Komponenten-Glasfaserspachtel. Vom Laden nebenan. Mit der Reaktion des Verkaeufers auf mein Bild moechte ich Euch nicht langweilen, aber er reichte mir den 750g-Topf an und wuenschte grinsend viel Glueck. Im gleichen Moment setzte ein gut gekleideter Kunde Mitte vierzig seine Halbbrille auf und wagte auch einen Blick.
"If I had to extend its rego, I wouldn't. Thats a structural part of the car. Missing. You carryin' any kids around with you?"
Nach ein paar Saetzen war die Standpauke vorbei und er erzaehlte mir von einem Bekannten, dessen Registrierung (TUEV) er vor 15 Jahren nicht verlaengern wollte, weil er Angst hatte, sein Auto wuerde an einem Speedbump zerbrechen. Seit dem wuerde dieser Herr nicht mehr mit ihm sprechen. Dann entpuppte er sich als ungefaehr der Sechste, der mir eine Irlaendische Staatsbuergerschaft unterstellte und ich verabschiedete mich hoeflich.
Den Rest des gestrigen und den Grossteil des heutigen Tages habe ich mich Schrubben, Schleifen, Kratzen, Spachteln und Malen verbracht. Der Spachtel rockt die Scheisse fett, um es mal deutlich zu sagen. Je nachdem, wieviel Haerter man einruehrt, ist das Zeug in 120 Sekunden so Hart wie Uhu nach zwei Dekaden. Man kann direkt drueberschleifen.


Und jetzt muss ich nurnoch ein paar Tage warten, bis die Farbe trocken ist und kann dann mit Silikon zu Werke gehen und meine Machenschaften anschliessend mit der Originaldichtung verstecken. Gewieft!
Bloed nur, dass es auch in Cairns nachts fast immer regnet. Nachdem ich mein Telefon in der ersten Nacht schon aus 3mm tiefem Wasser schadenfrei aus einem Ablagefach in der Konsole gerettet habe, muss ich nun Tiefgaragen oder grosse Daecher zum Unterstellen finden. Wobei das Finden gar nicht mal das Problem ist. Inzwischen habe ich aber schon mit Nachtwaechtern verhandelt und anschliessend den Drogenkrankesten Aboriginee um 2:45 Nachts auf einem ueberdachten Parkplatz beobachtet. Der hat mich wirklich veraengstigt; hat 12 Minuten lang einfach geschrien, sich auf dem Boden gedreht, sich bis auf die Unterhose ausgezogen, ist quer ueber den Parkplatz gesprintet, hat Voegel angeschrien und sich dann wieder rumgerollt. Dann hat er zwanzig Minuten Pause auf einer Parkbank gemacht und wieder geschrien.
Mich wuerde interessieren, ob er das in Retrospektive als angenehm empfunden hat.
P.S: Mist, ich hab' zu wenig Fotos gemacht. Das hab ich nun davon, viel Text und keine Bilder. Ich hoffe, Ihr schafft es trotzdem bis zum Ende :)