Spaeter fahre ich durch ein Dorf, dessen Haptattraktion ein grosser Hummer ist. Die Dusche der oertlichen BP-Tankstelle war fuer mich die groessere Touristenattraktion.
Nachdem ich mir ein paar Eier-auf-Brot in die Figur geworfen hatte, wurde es langsam dunkel. Ich fahre durch die Nacht, um halbwegs im Zeitplan zu bleiben, da naehert sich vom Horizont langsam ein Warnblinker am Strassenrand. Geil, neuer Blogeintrag, denke ich und trete die Kupplung.
Langsam rolle ich an dem gestrandeten Ende-Der-Neunziger-Ford vorbei. Eine Frau Anfang Fuenfzig. Ich halte vor ihr an, steige aus, da schreit sie mir schon entgegen "ahiddaroo". "You what?" frage ich verwirrt, sie wiederholt "I hit a roo". Ah, ein Kaenguruh also. Und tatsaechlich, ihre Motorhaube ziert das Negativ eines Kaenguruharsches und auch ihre Frontscheibe kommt eher nicht mehr durch den TUEV.
Ob ich sie ein paar Kilometer mitnehmen koennte? Klar. Ich raeume meinen Beifahrersitz auf und sie bewegt das Auto noch ein paar Meter von der Strasse weg - es klingt dabei eher wie ein T-Modell.
Genau seit sie ihren ersten Satz gesagt hat, weiss ich dass wir nicht wirklich auf einer Wellenlaenge liegen. Mein Eindruck von ihr ist der einer forschen, lauten und streitsuechtigen Person. Dieses Eindrucks ist sie sich aber nicht bewusst und quatscht drauf los. Michelle. Sie traegt Zeitung aus und arbeitet in einem Kindergarten als Erziehering. Beides macht ihr Spass, aber beim Zeitung-Austragen kann sie Mercedes fahren (Smart, um genau zu sein). Ich frage, warum sie trotz des Unfalls so gute Laune hat. "3rd Party Insurance".
Zuhause angekommen laedt sie mich natuerlich noch auf einen Kaffee ein und ich guck mir ihre Bude von drinnen an. Voll mit Vitrinen, die wiederum mit Nutzlosigkeiten aus Porzellan gefuellt sind. Ihr Sohn posiert mit seiner Infantrieeinheit in Afghanistan auf einem Foto, ihre drei Toechter (Vier minus eine, die den ploetzlichem Kindstod gestorben ist) stehen daneben. Er hat nach neun Jahren keine Lust mehr auf die Army gehabt, jetzt macht er Computerzeugs und vermietet dieses Haus an sie.
Mich umschwaermen ihre fuenf Katzen (herrlich!) und kurz nachdem sie mir ihre Liebe zu diesen Tieren offenbart erzaehlt sie mir von der Schlange, die unter ihrem Haus lebt. Giftige Schlangen gibt es hier viele, aber die unter ihrem Haus bekommt sie einfach nicht weg. Sie hat schonmal alle Katzen unter das Haus geschickt, damit die das Problem loesen, aber eine kam mit blauen Lippen und Pfoten wieder raus und starb. Echte Katzenliebe, denke ich mir, das Gift haette sie auch in sieben Leben nicht verstoffwechselt bekommen.
Als ich sie frage, ob sie hier in der Naehe geboren wurde, erwaehnt sie im Nebensatz, dass ihr Onkel mit ihre Dinge getan hat, die er nicht haette tun sollen. Deswegen wohnt sie 50km weiter um sich aussuchen zu koennen, mit welchen Familienmitgliedern sie weiterhin Kontakt hat. Nur mit ihrem Vater, aber auch nicht wirklich.
Dann zeigt sie mir ihre Malereien (eher schlecht und fuerchterlich kitschig) und erzaehlt mir, dass sie sich staendig mit ihren drei Toechtern streitet, wenn man sich sieht. Die drei tun mir Leid. Als waere das nicht genug, erinnert sie uns beide daran, dass ihre aelteste Tochter (heute 24) vor zehn Jahren mit Michelles Freund ins Bett gestiegen ist. Baeng, das ist ja ein Blick ueber den Tellerrand fuer eine 14jaehrige, denke ich mir.
Jetzt muss ich mir noch ein Gedicht von ihr durchlesen. Sie haette schon ein paar Poesiewettbewerbe gewonnen, aber nicht mit diesem Gedicht. Erleichterung stellt sich ein. Nachdem ich das Wasser/Kakaopulver-Gemisch laechelnd weggearbeitet habe, zeigt sie mir ihren Bauernhof mit Huehnern, Enten, Pferden und noch weiteren, exotischeren Voegeln. Ganz interessant eigentlich.
Und dann muss ich auch weiter. Auf dem Weg nach draussen sagt sie mir, ich solle nach einem Kilometer rechts ueber den Pfad bis zum Strand fahren, da kann man gut schlafen. Haette sie vorgestern gemacht, nachdem sie sich so mit ihrer Tochter zerstritten hat und nicht mehr im gleichen Haus schlafen wollte.
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