

Am naechsten Morgen - also gestern - hab ich mich im See gewaschen, gefruehstueckt und Musik gehoert. Und ploetzlich war es 13 Uhr. Dann bequatschte mich noch ein Handwerker, dass ich mir die nordoestliche Kueste Neuseelands ansehen sollte. Die waeren mindestens 60 Jahre hinterher und der Buergermeister wuerde noch auf einem "bloody horse" reiten.

Um halb zwei bin ich Richtung Turangi losgefahren und dort gegen 5 Uhr angekommen. Habe naemlich noch einen leckeren Kaffee bei Te Rangiita getrunken. Und weil Turangi ein ziemlich kleines Nest ist und ich nicht wusste, wo ich da uebernachten soll, bin ich Richtung Waiouru aufgebrochen.
Zwischen mir und Waiouru lag allerdings die sog. Desert Road. Die ist ziemlich eintoenig, spaerlich bewachsen und alles andere als eben. Es gibt Schranken, um die Strasse zu sperren wenn sie ueberflutet ist oder zu starker Wind weht. Ich verstehe nicht, wie sie ueberfluten kann, denn sie liegt gut einen Kilometer ueber Null.
Jedenfalls wurde ich ein wenig von den Bergen ueberrascht. Meist geht es ziemlich unbarmherzig rauf und dann sofort wieder steil runter. Das ist deswegen nervig, weil man die muehsam erarbeiteten Hoehenmeter nicht wirklich effizient umsetzen kann.
Um Acht wurde es langsam dunkel, und auf neuseelaendischen Autobahnen gibt es fast niemals Schilder, die einem sagen wuerden, wie weit es noch ist. Erst habe ich mich noch ueber jeden Berg geaergert, aber irgendwann wird es egal, ob ein Berg oder ein Abhang vor einem liegt. Man faehrt einfach. Dann setzte auch noch leichter Regen ein, und es wurde so dunkel, dass ich nurnoch den weissen Streifen erahnen konnte. Ich musste auf Autos warten, um mir in deren Scheinwerferlicht den Reissverschluss meiner Regenjacke zu schliessen. Die Strasse war wirklich endlos. Man wurde von Autos ueberholt, die man viele Minuten spaeter am Horizont wieder auftauchen sah. Wann immer sie fuer ein paar Sekunden verschwanden und dann wiederkamen, wusste ich, dass ein weiterer Berg auf mich zukam. Nicht gerade motivierend.
Ich weiss nicht, ob es das Gelaende war, aber auf einmal fuhr ich voellig muehelos, mit geschaetzten 40km/h, fuer ungefaehr eine Stunde auf der Autobahn. Eine herrliche Mischung aus Vorfreude aufs Motel, Angst im Dunkeln nicht gesehen zu werden oder einen Stein nicht zu sehen, Angst, keinen Schlafplatz zu finden und ein kleines Bisschen Stolz, endlich mal die 100km zu knacken, liessen das Fahren voellig muehelos werden. Leider habe ich keine Fotos gemacht, denn dafuer hats zu doll geregnet.
Und dann kam ein Schild. Ich hielt an und wartete auf ein Auto, um es lesen zu koennen. "Waiouru Military Training Area". Also bald. Dann kamen immer mehr Lichter und langsam kuendigte sich die Stadt an. "Waiouru welcomes you, Elevation 972m". Endlich! Meine Beine tun weh.

Nachdem ich Cola und Schokoriegel an der Tankstelle gekauft hatte und der Verkaeufer meinte, ich waere 150km gefahren (Wohoo!), fuhr ich zum Motel. Das einzige Zimmer war fuer zwei und kostete 95$. Also fuhr ich wieder zur Hauptstrasse und fragte bei einer zweiten Tankstelle, ob es noch andere Hotels gaebe. Die Verkaeuferin rief an, es waren aber keine Zimmer frei. 95$ also. Ich bedankte mich und ging raus.
"You can sleep at my place."
Ich setzte mich aufs Fahrrad, auf zum Motel.
"Hello?! If you want, you can sleep at my place!"
Aehh, was?! Ich? Aehh, me, you talkin' to me?
Prompt war ich eingeladen, bei Mathew Hickey zu uebernachten, der sich grad ein Bier an der Tanke gekauft hatte. Er schmiss mein Fahrrad in seinen Gelaendewagen und schon fuhren wir zu ihm. Duschen ginge auch.
Mathew ist 22 und Sanitaeter in der New Zealand Army. ANZAC heissen die. Er hat da mit 18 angefangen und kommt aus New Plymouth. Die Neuseelaendische Armee ist so klein, die haben weniger Soldaten als die Englaender Sanitaeter. Im Moment sind sie an 7 Einsatzorten auf der Welt unterwegs, darunter Iraq und Afghanistan. Er hat gerade Bereitschaftsdienst, weil momentan ein Scharfschuetzenmkurs stattfindet. Meistens hat er nur Baenderdehnungen und Schuerfwunden zu behandeln. Wenn sie zwischen Aufstehen und Morgenapell 25 Minuten Zeit haben, trinkt er einen Liter Wasser und wirft rohe Nudeln hinterher. In seiner Freizeit geht er zelten, Angeln und Motorrad fahren.
Matt ist hoechst freundlich, seine Bude ist etwas runtergekommen aber sympathisch. Er mietet sie direkt von der Armee, die wollen sie bald renovieren. Als ich meine Tuetensuppe kochen will, macht er mir stattdessen Kartoffelpuffer und Fishfinger im Ofen. Ich dusche. Er guckt nach dem Wetter in den naechsten Tagen, ab und zu Schauer. Ausserdem sind es nur 112 Kilometer von Taupo bis Wiouru.

Er muss morgen um halb acht zur Arbeit, dann wuerde er mich rausschmeissen.Dann gibt er mir noch gebrauchte Gaskartuschen und Plane zum Abdecken meines regendurchlaessigen Zeltes. Ich schlafe auf seinem Sofa, draussen regnet es stark. Morgens laeuft Cat Stevens von CD, ich bekomme ich eine Art Muesliriegel mit heissem Wasser drueber angereicht. Nicht lecker, aber besser als nichts. Danke!
Dann gucke ich mir das Army-Mueseum am Ende der Hauptstrasse an und fahre weiter nach Taihape.


Die gute alte 08/15, dazu ein Blut-und-Ehre-Messer aus der Hitler-Jugend. Frankreich ist Wein und Brot, Holland steht fuer Kaese und Deutschland? Naja. Ein Raum im Museum hat einen besonderen Duft: Senfgas. Eine nette Art, an die Neuerungen im ersten Weltkrieg zu erinnern.
Wenn man sich die Werkzeuge und Verfahren der Sanitaeter damals ansieht kommt man zu dem Schluss, dass ein toedlicher Treffer im Vergleich zu z.B. einem Beinschuss ein Segen ist. Beine wurden ohne Narkose nur mit einer Saege amputiert, und Chirurgen fuehrten interne Wettkaempfe, wer am schnellsten saegen konnte. Loeblich.

Matt sagt, die Strasse nach Waiouru geht so steil bergab, dass er mit seinem Mountainbike schon 110km/h gefahren ist. Ich ziehe 20% ab und glaube ihm. Gestern brauchte ein LKW auf einer Abfahrt ungefaehr 10 Sekunden, um mich zu ueberholen, weil ich so schnell war. Danach habe ich meine Handschuhe an meine Scheibenbremsen gehalten. Jetzt sind sie angeschmolzen.
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